Prophylaxe – Einmal anders!
Autoren: Dr. Eckbert Schulz, Markus Ludwig; Hannover
Quelle: Dentalspiegel 1/95
Der Einsatz einer interoralen Kamera in der Verbindung mit der Image-Bildverarbeitung ist für die Kommunikation zwischen Techniker und Zahnarzt und zur Patientenaufklärung und -information, zur Darstellung spezieller Gebißsituationen oder Rehabilitationswünschen beschrieben worden.
Einsatz der interoralen Kamera als Motivierungshilfe
Die Möglichkeiten der individualisierten, patientenbezogenen Information mittels oraler Kamera sollen in einer Praxisstudie ausgenutzt werden, um Prophylaxepatienten zu einem verbesserten oralen Pflegebewußtsein und Verhalten zu führen. Viele individual-prophylaktischen Bemühungen unsererseits bleiben ohne großen Effekt, wenn der Patient nicht einsieht und versteht, wozu ein pflegerischer Mehraufwand nötig ist. Zu Einstellungs- und verhaltensänderungen anzuleiten (gezielte und damit wirksame Zahnpflege, bewußte Ernährung, Einsatz von Fluoriden, regelmäßige präventiv-zahnmedizinische Kontrollen) hat nur Zweck, wenn der Patient zuvor sein orales Problem voll bewußt erkannt hat und zu einer Änderung seiner bisherigen Verhaltensweisen bereit und fähig ist.
Um dieses Bewußtsein und die Bereitschaft zur aktiven Mitarbeit (Compliance) zu schaffen und deren Effekte auf die tatsächliche Mitarbeit zu prüfen, wurden in einer kontrollierten, prospektiven Praxisstudie 90 IP- und PA-Patienten im Alter von 12 bis 60 Jahren einem vierwöchigen präventiven Trainingsprogramm unterworfen. Dabei wurden die Forderungen und Anregungen von Weinstein et al. und Hendriks und Schneller konsequent umgesetzt, so z.B. die Elemente: Beachtung der individuellen Ausgangslage und Zielsetzung des Patienten; konkretes Aufzeigen und Bewußtmachen der individuellen oralen Situation; Geben von sachlich notwendigen Informationen und Ansprechen der Gefühle ("Betroffenheit") des Patienten; Aufzeigen der Konsequenzen bei Beibehaltung der bisherigen Einstellung und bei Verbesserung der Zahnpflegegewohnheiten ("persönlicher Gewinn"); schrittweises, nicht überforderndes Vorgehen nach dem Spiralen-Modell; Bewußtmachen des Problems: Erläuterung des ersten (nächsten) Präventionsschrittes, Demonstration, Einübung, häusliche Übung, Kontrolle und Erfolgsrückmeldung in der Praxis.
Jeweils 45 Patienten wurden nach Zufall der sog. Videogruppe und der Kontrollgruppe zugeordnet. Die Trainingsprogramme unterschieden sich lediglich dadurch, daß die Videogruppe in der zweiten Trainingssitzung neben der Aufklärung an Modellen eine genaue Darstellung der eigenen Mundsituation mit Erläuterung der individuellen Schwachstellen per Videokamera ICL-Video-Light 2000 (Fa. Lercher, Tuttlingen) erhielt, während die Kontrollgruppe mit einem gewöhnlichen Handspiegel auskommen mußte.
Gezielter Einsatz der Videokamera zur Motivierung von Prophylaxepatienten heißt, sich bei der Demonstration auf ein oder zwei eindrucksvolle Bilder zu beschränken, aus denen der Pathologische Zustand für den Patienten deutlich erleb- und erfahrbar gemacht wird. Der Umgang mit der Kamera sollte sicher sein und klare Bilder liefern. Eine wirre Vielfalt vieler Bilder würde den Patienten irritieren.
Die Ergebnisse dieser Praxisstudie unterstützten die Hypothesen der Arbeitsgruppen um Weinstein in Seattle und Schneller in Hannover eindeutig: nur auf der Grundlage einer eindeutigen Bewußtseinsverbesserung findet auch eine eindeutige Veränderung des täglichen häuslichen Pflegeverhaltens (oral self care) statt. Einstellungswerte, Verhaltensangaben sowie deren Objektivierung durch die zahnmedizinischen Indices (HI, PBI) waren bei den Patienten der Videogruppe sowohl am Ende der Trainingsphase als auch im 1. Recall vier Monate später der Kontrollgruppe signifikant überlegen.
Damit sind drei wichtige Faktoren von oral-präventiven Trainingsprogrammen deutlich geworden und konnten unter Praxisbedingungen nachgewiesen werden:
1.) Ein großer Teil von jugendlichen und erwachsenen Patienten mit Mundpflegedefiziten und / oder gingivalen / parodontalen Entzündugen kann für ein intensives Prophylaxeprogramm angesprochen und gewonnen werden.
2.) Besonderen Gewinn erzielten Patienten, denen ihr eigener Schaden im eigenen Mund deutlich aufgezeigt werden kann, die somit emotional betroffen gemacht werden können und einsehen lernen, daß die Schäden bei Beibehaltung der bisherigen Pflegetechnik nur noch größer werden.
3.) Bei dieser Bewußtmachung einer Problematik, von der die meisten Patienten gar nichts ahnten, hat sich der gezielte Einsatz einer interoralen Kamera mit der Möglichkeit der Bildvergrößerung vor den Augen des Patienten als sehr nützlich und anderen Demonstrationsmaterialien (Handspiegel, Modelle, Fotos, Bildatlanten) überlegen erwiesen.
Einen weiterführenden Artikel finden Sie im nachfolgenden PDF-Dokument...
Prophylaxe - Einmal anders! (PDF, 869,1 kB) >>
Autoren: Th. Schneller, M. Ludwig, E. Schulz
Quelle: Dtsch Zahnärztl Z 55 (2000) 12
|